Adieu

Was für den Vogel die Kraft der Schwingen, das ist für den Menschen die Freundschaft: Sie erhebt ihn über den Staub der Erde. Zenta Maurina

In eben diesem Sinne, hatte auch ich eine Freundin. Zwischen dem 13. Und 21. Lebensjahr war sie wohl die wichtigste Person in meinem Leben! Aus einer Teenie-Freundschaft, die sich aufgrund von gemeinsamen Interessen und Gedanken aufbaute, wurde im Laufe der Jahre eine Seele, die in 2 Körpern wohnte. Und selbst die trennten sich nur wenige Meter voneinander. In unserem Wesen grundverschieden, schweißte uns vielleicht gerade das zu einem grandiosen Team zusammen. Sie war die Toughe, die Abends von zu Hause weg lief, um ins Jugendzentrum zu gehen und ich die Brave, die gern früh ins Bett ging. Dazu war ich unheimlich schüchtern, dass sich kaum einer an mich erinnerte. Sie dagegen war der Liebling von allen, die den Jungs reihenweise den Kopf verdrehte. Ihre Eltern waren sehr streng, meine hatten sich eher für die antiautoritäre Erziehung entschieden. Kurz, viel gegensätzlicher hätten wir nicht sein können.

Im Laufe der Zeit veränderten wir uns, gingen unterschiedliche Wege, aber an unserer Freundschaft änderte sich nichts. 
Dieses Gefühl einer Freundschaft, gerade in diesen schwierigen Jahren der Pubertät, war für mich mit das Schönste was ich erlebt hatte. Wahre Zuneigung, grenzenloses Verständnis, tiefe Geborgenheit und nie enden wollender Spaß sind nur einige Worte, die versuchen diese Beziehung zu beschreiben.
 Ich selbst stamme aus einer eher gefühlskalten, rationalen Familie, in der Wärme und Aufmerksamkeit ein Fremdwort sind. Außer meiner Oma hatte ich wirkliche, bedingungslose Zuneigung noch nicht spüren dürfen. Anne zeigte mir, dass selbst ich es Wert war, geliebt zu werden. In diesen Jahren war ich für jemanden wichtig. Ich hatte einen Lebenssinn, der über meine eigenen Interessen hinaus reichte. Ich erfuhr, was es heißt, nicht allein zu sein!
 Mit 18 wurde diese ohnehin schon innige Freundschaft noch inniger. Ich hielt es zu Hause immer weniger aus und blieb einfach immer öfter bei ihr. Bis ich mehr bei ihr, als in meinem zu Hause war. In ihrem 12 qm Zimmer wohnten wir, schliefen jede Nacht in einem Bett und der einzige Zeitraum, der uns wirklich voneinander trennte, war die Zeit auf der Toilette.

Auch der Rest unseres Lebens änderte sich. Wir fanden andere Freunde und wir entfernten uns mehr und mehr von unseren Schulfreunden. Wir feierten andere Partys und hatten andere Ideale. Schließlich kam es zum Bruch mit unserer Mädels Clique aus der Schule und so standen Anne und ich gegen den Rest der Welt. Aber das kümmerte uns nicht.
 Im Rückblick erlebe ich diese Zeit wie in einem Märchen. Verklärt aber wunderschön! Für mich hätte es zu diesem Zeitpunkt ewig so weiter gehen können. 
Aber das tat es nicht! Anne lernte ihren Freund kennen und innerhalb kürzester Zeit schlief ich alleine in ihrem Bett. Das war nun der Anfang vom Ende! Wir schworen uns zwar nach wie vor ewige Freundschaft aber wir merkten beide, wie sehr wir uns voneinander entfernten. Nach einer solchen Innigkeit ist der Versuch sich nur ein bisschen voneinander zu lösen, fast utopisch. Vor allem unter diesen Voraussetzungen! So entfernten wir uns mehr und mehr voneinander. Später zog sie nach Marburg, ich nach Köln. Spätestens ab diesem Zeitpunkt gab es für uns keine Schnittpunkte mehr.

Vergessen habe ich diese Zeit nie! Auch Anne war irgendwie nie weg, sie lebte nur in mir weiter. In meinem Herzen. Jedenfalls die Anne, mit der ich einst meine Seele teilte. Die wirkliche Anne war für mich zu einer Fremden geworden. Nur über Freunde hörte ich ab und an die Eckdaten ihres weiteren Lebens.
 Vor ca. 2 Monaten saß ich im Auto und hörte noch einige Sekunden eines Liedes, dass sie mir oft vorgespielt hatte. Ich hatte es seit vielleicht 10 Jahren nicht mehr gehört. Abends setzte ich mich vor´s Internet und suchte dieses Lied. Ich habe 2 volle Nächte damit zugebracht, dieses Lied zu suchen und ich behaupte mal von mir, dass ich ganz gut im Recherchieren bin. Doch es half alles nichts, ich fand es einfach nicht. Auch alle folgenden Versuche blieben ohne Ergebnis. Irgendwann gab ich es auf, aber vergessen konnte ich es nicht. Somit spukte mir auch Anne stetig im Kopf herum. Mir fielen wieder all die schönen Dinge ein, die wir erlebt hatten. Alles Mögliche erinnerte mich jetzt wieder an sie. Für ein paar Wochen war sie wieder mein ständiger Begleiter, wie vor 8 Jahren. Ein bisschen wunderte ich mich über ihre plötzliche Allgegenwärtigkeit.
 Jetzt erscheint es mir ganz logisch, dass ich mich so mit ihr beschäftigt habe. Denn es geschah Folgendes: Vor 2 Wochen, ich chattete mal wieder mit einem Kumpel aus der Heimat, fragte er mich nach ihr. Ich konnte ihm nur sagen, dass ich nichts Neues von ihr wusste. 2 Sekunden später rief er mich an.
„Setz Dich bitte, Anne hat sich das Leben genommen gestern Abend.“

Seitdem geht mein Leben zwar nahtlos weiter, aber das tut es nur nach außen hin. Es ist nicht, dass ich mich gräme oder vor Trauer zerfließe. Nein, gar nicht. Denn so drastisch dieser Schritt ist, ein Leben gehört immer nur dem Menschen, der es besitzt. Und jeder Mensch hat das Recht, das aus seinem Leben zu machen, was er für richtig und angemessen hält. Ich finde es unglaublich traurig, dass sie keinen anderen Weg mehr gesehen hat. Dass alles keinen Sinn mehr für sie gemacht haben muss. Dass es nichts Schönes mehr für sie im Leben gegeben haben muss. Ich frage mich bis heute, wie aus dem kämpferischen, jungen Mädchen ein Mensch werden konnte, dem sein junges Leben nichts mehr bedeutete. Ein bisschen schäme ich mich, dass wir keinen Kontakt mehr hatten. Fast fühle ich mich schuldig. Vielleicht, wenn unsere Freundschaft weiter Bestand gehabt hätte, wäre alles anders verlaufen. Aber vielleicht auch nicht!

Ludwig Binswanger, ein Schweizer Psychiater und Begründer der Daseinsanalyse, beschreibt in seinem Buch „Wahrheit und Existenz“ einen Kranken, der den Sinn des Lebens verloren hat. Dieser sagte: 
„Man ist auf der Welt, um den Sinn des Lebens zu finden; das Leben ist aber sinnlos deswegen will ich mich befreien vom Leben, um zu der Urkraft zurückzukehren. Ich glaube nicht an ein persönliches Leben nach dem Tod, sondern an eine Auflösung in die Urkraft.“ Wenn ich es so sehe, dann kann ich es etwas verstehen. Dann fällt es nicht ganz so schwer Adieu zu sagen, zu einem Menschen, der mir mein Leben um so viele schöne Stunden, Tage, Wochen, Jahre reicher gemacht hat! 
Anne, ich werde Dich immer in meinem Herzen und meinen Gedanken tragen. Dein Leben ist vergangen aber Deine Energie ist weiterhin hier und ich hoffe, dass Dir diese Art des Seins das Glück beschert, was Du Dir gewünscht hast!

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