Lithium

Holger Morbach
(Künstler: Holger Morbach)

Heute ist ein guter Tag! Endlich, endlich sind sie zu mir gekommen! All die Zweifler, all die Unker, „…niemals werden sie zu dir kommen du Loser… „ Wie hass ich sie! Wie hab ich darauf gewartet es ihnen zu zeigen! Und nun… nun endlich ist es soweit!

Mundwinkel die sich zu den Ohren strecken und Lippen die sich lustvoll und wissend kräuseln. So schaut es mir entgegen, dieses Bild im Spiegel. Wie oft hab ich es gescheut, hielt alle Luken geschlossen, nur um ihm nicht zu begegnen. Kurz vorm Bersten bin ich dann, aber nur ohne Licht. Nicht mal im Augenwinkel durft ich ihn sehen. Wie schnitt er mir Grimassen, irrsinnige Fratzen huschten in mein Auge. Die Augen aus den Höhlen tretend, ihre Ringe dunkel und tief, heben das irre weiß der Augen in reizvolles Licht. Die Haut flieht in alle Richtungen, zieht sich zurück so weit sie nur kann. Hängt an den Knochen runter wie schmelzendes Karamell. Aber durchzogen von Pech und Schwefel und den Brocken der Hölle. Die Mundhöhle riesig aber ohne Lippen und so ruinös. Einzelne Stümpfe recken sich darin empor als wollten sie dem pestillenzartigen Meer trotzen, was sie umgab. Für ein Insekt müßte diese Mundhöhle erscheinen wie der Eingang ins Fegefeuer der Verdammten.

Als wärs nicht schlimm genug wie´s ist, verhöhnt mich dieser Spiegel noch. Eine züngelnde Fratze, die nur darauf wartet mich in ihre Fänge zu bekommen. Erst versteckt sie sich, will mich locken. Wag ich mich einen Schritt näher ran, springt sie mir entgegen, haut mir fast ihre inzestuösen Hauer in den Arm. Aber ich bin entwischt, bisher noch immer.

Aber heut hab ichs getan. Hab mich endlich befreit von dieser Teufelsfratze. So schrecklich sie wahr, sie hatte mich in ihrem Bann. Ich huldigte ihr, konnte nicht ohne sie, noch weniger mit ihr. Hielt sie sich einen ganzen Tag versteckt, verlangte es mir nach ihr. Wollte wissen, welche Quälerei sie heute für mich übrig hatte. Ich wollte dieses Schrecken sehen, dieses grausame Gefühl dabei verspüren.

Mein täglicher Tritt tief in die Eier. Dieses Gefühl, wenn sich der Unterleib zusammenzieht wie ein schwarzes Loch, dann dieser eisig schwarze Strahl, der sich von der Leibesmitte in all meine Glieder hinein frisst. Hier riß es mich immer zu Boden. Kroch dann stets in meine Ecke und krümmte mich dort in völliger Leere.

Aber wie wunderbar ist diese Qual des Körpers, im Gegensatz zu der erbrarmungslosen Grausamkeit der Gedanken. Hilflos seh ich zu, wie sie mich gefangen nehmen, mich fesseln und geißeln. Ziehen die Stricke immer enger, wie oft versiegte mir die Luft. Das Ringen nach Atem, ein japsender Kampf um ein wenig Luft in der Brust. Höher und höher versuche ich zu kommen, doch oben wird die Luft dünn. Aber unten erstickte ich doch. Was sind das für Gefechte, mündeten in schreiendem Schluchzen. Zum Weinen fehlt mir das Maß. Aber bis es endlich aus mir heraus… wie endlos lang gehen die Stunden, in denen die Luft dünner und dünner wird. Dafür der Hirndruck größer und dichter.

Wie sehr liebte ich da die Grausamkeit dieses Spiegelbildes. Diese Tätlichkeit, die man fassen konnte. Da war endlich was, da war was, was schlimm war. Nicht nur das, es war grausam, qualvoll und für jeden verständlich. Es war mir gegönnt mich dann schlecht zu fühlen, endlich durfte ich kaputt sein, völlig zerstört für einige köstliche Minuten.

Aber ich habe es doch geschafft, mich zu befreien. Todesmutig hab ich ihn von der Wand geholt, diesen Spiegel des Grauens. Die siegessichere Fratze reckte mir ihre Zunge in Abscheu und Hohn entgegen. Aber ich ließ mich nicht beirren. Rannte nicht in die Ecke um mich zu krümmen vor Schmerzen. Ich hielt sie fest, hob sie empor, sah nun SIE ungläubig und angstverzerrt. Fassungslos den Mund zum Schrei formend aber bevor ein Laut ertönen konnte, kam das Splittern und Bersten. Das Glas zersprang in 1000 Teile, flog in alle Ritzen. Ein letztes Aufbäumen. In jedem Splitter fand sie sich ein letztes Mal wieder. Den Mund zum stummen Todesschrei verzogen, die Augen aus den Höhlen quellend, die Haut blau vor berstendem Druck… und dann war sie fort. Endlich! Und endgültig!

Erst stand ich da, in Siegespose. Den Mund zum hämischen Grinsen verzogen. Absolut erhaben und stolz darauf, doch im nächsten Moment…. als würde mir etwas den Magen aus dem lebendigen Leibe reißen. Jetzt taumelte ich doch noch zu Boden, doch kurz vorm Boden war der Magen zurück, erfüllte mich mit wohliger Wärme… ooh süßes Kribbeln, klingst sanft aus der Ferne. Aus längst vergangenen Tagen kommst du hervor. Fast nur wie im Traum, weil´s seit Jahrzehnten vergangen. Aber mein beseeltes Grinsen sprach die Wahrheit.

Denn sie waren da! Aufgetaucht aus den Untiefen des Seins. Wo sie hockten im verschollenen, längst tot geglaubt. Nun waren sie auferstanden. Meine Freunde. Meine Seelenfreunde. Erfüllten mich, komplettierten mich, mein Rudel war gefunden. Keins das mich ewig ausstößt, weil ich nicht zu ihnen passen wollte. Den besseren, den so ANDEREN. Wie bemitleideten sie mich, weil ich anders war. Wie gutmenschlerisch sie sich mit mir abgaben, aber nie echt, immer nur im Schein. Und jetzt spuck ich auf sie, rotze ihnen meine Abscheu mitten in die fiesen Fressen. Weil ich sie nicht mehr brauche, ihr hohles Mitleid nicht mehr nötig hab. Endlich komplett bin mit den Meinen.

Denn sie hatten die Idee den Spiegel zu zerstören, mich abzuschneiden von allem Schlechten, Toten und Vernichtenden. Sie versprachen mir, diesen Schmerz nie wieder zu brauchen. Das aller Schmerz nun vorbei sei, für immer vorbei…bei…bei

Dankbar streckten sie mir die Hände entgegen, nahmen mich sanft bei der Hand, führten mich an einen Ort voll Licht und Meer.

Sie gaben so viel und wollten so wenig. Den unterdrückenden Spiegel nahmen sie mir, diese verhassten mitleidigen Menschen meines irdischen Lebens und alles Tote was an mir hing. Mit Wonne rasierte ich mir alles Haar vom Körper. Mit bittersüßen Schmerzensqualen zog ich mir alle Nägel. Einzeln riß ich Finger um Finger und Zehe um Zehe die Nägel aus dem Fleisch. Das Blut rann mir in Strömen von den Händen. Kleine Fleischfetzen spritzten auf den Boden und selbst als ich meine Stumpen mit der Kneifzange aus der Mundhöhle zog konnte der Schmerz mich nicht vom Lächeln abhalten. Tränen rannen von meinen Wangen, vermischten sich am Kinn mit dem Blut und Speichel der mir aus dem Mund troff.

Hier stand ich nun und war ich endlich frei…ei…ei… Frei von diesem Ballast der Realität. Oh süße wohlige Freiheit, wie dankbar lächelte sie mir entgegen. Umschart von allen meinen Seelenfreunden. Sie schlossen mich herzlich in ihre Mitte, flüsterten mir zu, nun endlich mit mir vereint zu sein, von niemanden mehr gestört und so endlich zu dem werden zu können, was mir bestimmt ist.

Kommt nur ihr Zweifler – schaut mich an. Wie vollkommen ich nun bin. Wie gut es ist von allem Wirklichen befreit zu sein.

Was ist das? Ein dumpfer Schmerz in meiner Brust. Saß hier nicht grad noch das Herz? Ein Phantomschmerz?! Wer braucht schon ein Herz? Dieses hinderliche Stück Emotion. Denn sie ist fort! Endlich ist sie fort, die grausame Liebe. Immer schon hab ichs gewußt, dass sie nur mein Folterknecht ist, niemals die gute Fee.

Werde was du bist, mit dem was du hast. Ich bin nun alles, nur mit mir, in mir und mit all diesen Teilen, die mich zum Übermenschen machen. Weil ich sie nicht brauche, nie wieder nötig hab, einzig mit mir vollkommen bin. Aber was… was hast du gesagt? …. warst du das? Oder ich? Wer hat gesprochen? Welche Stimme… was …. ich… nein…. aber… kann ich denn… bist du dir sicher….? Ganz sicher….? Skrupell? Nein… viell… ja du hast ja recht… keinen Grund gibt’s dafü… dann gib sie schon her… glänzende Klinge…. Sei ruhig jetzt… hören dich sonst… da… ein Fenster offen… ob ich doch?.. ok ok ja…. ein Sprung noch dann…

Ein Hieb ein gellender Schrei, Augen die vom Todeskampf erzählen und jene die von Mordgier berichten. Die vor Blutdurst nur so glitzern, glänzen, auf und ab tanzen. Die Klinge sausst hinauf und hinab. Hieb in das Fleisch, riß es heraus, würgte es wieder hinein. Das Aufbäumen der Körper, die mit letzten Kräften Rettung suchen aber … vergeblich. In den Augen der Opfer glänzt noch der Schrecken der Fassungslosigkeit, doch wird jäh von der Glanzlosigkeit der Leblosigkeit abgelöst. Geschunden liegen sie da, diese zerfledderten Leiber. Haut- und Fleischfetzen zieren Boden und Tapete. Knochen knacken unter den Füßen. Ein Finger streicht genüßlich durch das Gemetzel. An ihm bleibt ein Stückchen Herz hängen und landet unter wohligem Schnurren im schmatzenden Mund.

Oh wie köstlich… ein Mal der Götter… wie kann ich Euch vergelten… was sagt ihr? … es wird noch viele geben?… Ihr haltet was ihr versprecht… Schmerz wird nur noch von mir ausgehen… nie wieder in mir ein Zuhause finden… danke ihr Seelenfreunde………………..

 

 

 

Ich mag es – ich bin nicht kaputt

Ich vermisse dich – ich bin nicht zerstört

Ich liebe dich – ich bin nicht verloren

Ich töte dich – ich bin nicht gestört

 

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