Rehab

“Ich soll was?” Mein Mund entgleitet mir, meine Augen weiten sich. Mit offenem Mund schaue ich meinen Therapeuten an und kann nicht glauben, was er mir da gerade vorschlägt. Oder eher, was er von mir fordert.

“Ich möchte, dass Sie sich in einen Entzug begeben!” Mit strengem Blick schaut er mich an. Er entweicht nicht meinem Blick, seine Augen durchdringen meine. Ich halte seinem Blick mit all der Wut die ich gerade in mir habe, Stand. Aber er gewinnt. Nrevös starre ich auf meine Hände, deren Finger sich ineinander verknoten und in sich verwühlen wie ein Lindwurm. 

Das kann einfach nicht sein Ernst sein! Ich in den Entzug? Warum? Es läuft doch alles gut. Ja, ok, ich bin oft ziemlich am Ende mit meinen Nerven, liege am helllichten Tag im Bett um in die Kissen zu weinen und zu schreien. Aber ich komme doch immer wieder auf die Beine. Ja gut, dafür brauche ich oft jede Menge Tabletten und ich kann mich kaum erinnern, wann es mal einen Tag gab an dem ich keine Tabletten genommen habe, aber ich nehme doch nie so viel. Wenn ich an Christiane denke und wieviele Tabeletten sie geschluckt hat. Täglich. Dagegen bin ich doch ein Waisenkind. Was soll ich denn in einem Entzug? Zwischen all den bekloppten Junkies. 

Mein Hirn läuft auf Hochtouren und sucht krampfhaft nach Argumenten, die ich ihm entgegenschmettern kann. ICH BIN KEIN JUNKIE!

“Jetzt schauen Sie doch mal.” Beginnt er, nun mit einer versöhnlichen Stimme.

“Sie sind seit Monaten mit den Nerven runter. Zwischen den wenigen Hochtagen liegen so viele tiefe Tage. Sie haben sogar angefangen sich zu ritzen…”

Wieder reisse ich die Augen auf. Was hat DAS denn jetzt mit den Tabeltten zu tun? Und überhaupt, ich nehme die Tabeletten doch nur wegen meinen schwachen Nerven. Ich bräuchte die gar nicht, wenn meine Nerven und mein Körper nicht so schwach wären.

“Wissen Sie noch warum Sie hierher gekommen sind?”

Beschämt schaue ich zu Boden

“Keine Ahnung!” Erwidere ich trotzig, obwohl ich genau weiß warum.

“Es ist doch kein Wunder das ich so fertig bin! ich hab mein Baby verloren! Natürlich geht es mir da eine ganze Zeit lang schlecht. Und da brauche ich eben auch was, dass mir all diese bösen Gedanken und diese Schmerzen nimmt. Aber das dauert doch nicht ewig. Das geht von ganz alleine wieder vorbei, das weiß ich sicher!”

“Schauen Sie im Entzug hätten Sie Zeit zu sich zu kommen. Sie könnten sich von dieser schwierigen Zeit, die sie hatten, erholen. Das wäre doch ein großer Gewinn?! Natürlich braucht es Zeit über ein solches Trauma hinweg zu kommen, aber das geht doch am Besten mit Hilfe”

Verdammt, dieser Gedanke ist tatsächlich nicht so abwegig. Aber ich will nicht in so eine verdammte Klinik!

Rrrrrrring. Mist mein Telefon. Wer kann das jetzt sein? Hektisch greife ich nach meiner Tasche und wühle darin nach meinem Handy. Mist, Portemonaie, Taschentücher, ein Buch, Lippenstift aber wo ist das Handy? Hinter 5 alten Rotzfahnen hat es sich versteckt. Ich packe danach und hole es heraus. Es ist mein Dad. Den kann ich nicht wegdrücken. Er ruft eh so selten an. Ich gehe dran und sehe im Augenwinkel die rollenden Augen meines Therapeuten.

“Hey Dad”

“Mein Mädchen, wie geht es Dir?”

“Gut Dad danke, ich bin gerade bei meinem Therapeuten und…”

“Ach bei dem Quacksalber. Lass Dir von dem bloß keine Dummheiten einreden. Das ist doch alles Quatsch was diese Hirnwäscher einem alles einreden wollen. Du bist gesund mein Mädchen! Du hast doch alles was Du wolltest. Erfolg, Menschen die Dich lieben, eine tolle Wohnung. Was will er Dir denn erzählen hä? Das Du krank im Kopf bist? So ein Schwachsinn! Du bist völlig in Ordnung genau so wie Du bist! So und jetzt sag das diesem Heini genau so und und hau da ab, hörst Du? Lass uns lieber später etwas Schönes essen gehen. Ich wollte Dir noch Phil vorstellen. Der kann Dir helfen da hin zu kommen wo Du schon immer hin wolltest. Das kann so ein Psycho-Heini nicht. Also mein Schatz bis später.”

Er legt auf. Zögernd nehme ich das Handy von meinem Ohr. In diesen kurzen Sekunden die es daurt mein Handy wieder in der Tasche zu verstauen, rattert mein Gehirn auf Hochtouren. Verdammter Entzug, Erholung, Tabletten, nie wieder welche nehmen dürfen, meine Schmerzen und all diese bösen Gedanken die mich oft überkommen. Nie wieder Tabletten nehmen. Verstörte Junkies auf einen Haufen gepfercht, fremde Betten, fremde Gerüche, Schwestern, Ärzte, Blut in Kanülen, scheußliches Kantinen Essen, all die verlorene Zeit, nie wieder Tabletten. Nie wieder Tabeletten…. Nein! Nein verdammt! Ich will das nicht! Ich habe keinen Zeit für diesen Quatsch. Ich will meine Tabletten! Ich will sie und ich bin nicht verrückt!

“Also wissen Sie Doc, das ist doch alles gequirlte Kacke die Du mir da erzählst! Du willst nur dieser verdammten Klinik einen neuen teuren Patienten bringen. Aber ich mach da nicht mit. Ich bin vollkommen in Ordnung! Ich hab nur manchmal schwache Nerven aber deswegen bin ich kein schlechter Mensch! Ich bin sogar ein guter Mensch! Viel besser als die meisten anderen. Schauen Sie sich doch all die Psychopathen im Bundestag an. Denen würde auch niemand empfehlen in den Entzug oder in die Klappse zu gehen. Obwohl die wirklich Menschen schaden. Aber ich? Was tu ich schon anderen Menschen? Gar nichts tue ich denen außer Gutes. Also stecken Sie sich ihren verfickten Entzug an den Hut und lassen mich in Ruhe!”

Ich springe auf, fast falle ich vorn über vor lauter Energie die mich nun nach vorne treibt, und rausche aus dem Zimmer. Die konsternierten und traurigen Augen meines Therapeuten fallen mir erst viel später ein. Und sie werden mich noch verfolgen.

Aber für diesen Moment ist mir das egal. Ich will nur hier raus!