Alltags-Killer Karneval

Karneval in Köln. Einwohnende fiebern dieser 5. Jahreszeit teils entgegen, teils wünschen sie sich ein schwarzes Loch in der Zeit, dass dieses Ereignis einfach verschluckt. So oder so ist es ein einschneidendes Erlebnis im Jahr, an dem niemand so leicht vorbei kommt.
 Ich selbst bin in den vergangenen Jahren, in denen ich hier lebe, dem Karneval mit gemischten Gefühlen entgegen getreten. Fast hat er mir manchmal Angst gemacht und ich bin Hals über Kopf geflüchtet. Mitten durch die verkleideten Massen, die aus dem Hauptbahnhof strömten.

Ich kenne den Karneval als „Fasching“, der ausschließlich in Turnhallen, Schulen und Gemeinschaftshäusern stattfindet. Und auch dort läuft das ganze recht zivilisiert ab. Mal abgesehen von denen, die sich nach den Sitzungen noch sinnlos betrinken. Aber dieser Kölner Karneval ist ein ziviles Natur Ereignis! Während acht langer Wochen, sieht man mehr und mehr verkleidete, erwachsene Menschen. Anfangs sitzen sie nur ruhig in der Bahn. Zu späteren Stunden sind sie auch schon mal heiterer. Aber was sich in den Tagen zwischen dem „Weiberfastnacht“ und dem Aschermittwoch abspielt, muss man selbst erlebt haben, um es als zivilisierter Deutscher glauben zu können. Schon am frühen Morgen dröhnt von überall her die eindeutige Musik. Von den Paveiern, den Bläck Föös, den Höhnern, den Räubern und wie sie sonst noch alle heißen. Die „Jecken“ bevölkern mehr und mehr die gesamte Stadt und bald fallen die unverkleideten Passanten mehr auf, als die Verkleideten. Beim Bäcker steht man neben Clowns und riesigen Bären. Männer verkleidet als Strip-Tänzerinnen sitzen mir in der Bahn gegenüber und ich komme aus dem Lachen nicht mehr heraus. Alle sind locker und gelöst. Fast jeder hält ein alkoholisches Getränk in der Hand, aber auch die die (noch) nüchtern sind, haben ein Lächeln auf den Lippen und man fühlt sich bereits hier, wie auf einer großen Party. Eine ganze Stadt im Ausnahmezustand. Auf den großen Plätzen geht es aber erst richtig los. Hier werden Singles schnell zu Pärchen und Gebundene vergessen mal schnell den Liebsten Zuhause. Fast könnte man meinen, böse Geister wären in die Feiernden gefahren. Anstand und Moral sind vergessen. Man hat das Gefühl alles hat nur darauf gewartet, sich endlich einmal fallen zu lassen. Kein Druck vom Chef, niemand kümmert sich um Abgabefristen. Eine Bevölkerung frei vom alltäglichen Muss. 
Das Erstaunliche daran ist, dass man zu keiner anderen Zeit so freundliche, herzliche Menschen in Deutschland findet. Das Volk hält hier zusammen. Jeder ist irgendwie ein Bekannter und nicht jemand der mir fremd ist. Es ist, als sei die Blase des Alltags, die sich um jeden herum befindet, geplatzt.

Kennt Ihr das? Wenn man sonst durch die Straßen läuft ist jeder isoliert. Ich fühle mich da manchmal wie in einer Blase. Die ist an Karneval plötzlich weg. 
Aber eben so schnell wie sie weg ist, ist sie auch wieder da. Die Blase. Denn bereits am Aschermittwoch ist mir jeder wieder fremd, den ich nicht kenne. Wenn mir jemand in der Bahn zu nahe kommt erntet der von mir einen bösen Blick und ich gehe schnell einen Schritt zur Seite. Das Lächeln im Gesicht der Menschen ist verschwunden, die Freude schien nie da gewesen zu sein. Jetzt ist der Himmel wieder sichtlich grau, alles ärgert mich. Der Alltag hat uns wieder. 
Zu dieser Zeit merke ich ganz deutlich, was das eigentlich bedeutet Alltag. Welche Macht er über uns hat und wie traurig es ist, wenn wir nichts anderes mehr kennen als den Alltag. Es wird mir bewusst, dass Karneval nicht nur was für Spießer ist, die es nur einmal im Jahr schaffen Spaß zu haben und sonst zum Lachen in den Keller gehen. Es ist einfach eine Volks-Gehirnwäsche und zwar eine wundervolle! Denn was schafft es sonst, einer ganzen Stadt den Alltag zu nehmen?!