Veronika der Lenz ist da

Nachdem ich die Hoffnung auf einen sonnigen, warmen Frühling aufgegeben hatte, überraschte mich das Wetter dann doch noch mit Sonne und einem kletternden Thermometer. Euphorisch zog ich einen Minirock an und verließ das Haus. Und nach spätestens 20 Metern wusste ich auch wieder, was der Winter für einen Vorteil hat. Die Gafferei hatte ich nämlich nicht sonderlich vermisst. Vor allem wenn es mit Gesabbere und sau blöden Kommentaren verbunden ist. Aber der Tag sollte noch weitere Überraschungen für mich bereithalten und mir zeigen was es heißt, wenn mir wirklich jemand „zu nahe“ kommt. 
Nachdem ich nämlich 3 Gaffer passiert hatte und in eine andere Straße einbog, hörte ich nur wie schmatzende und knutschende Geräusche in meine Richtung abgegeben wurden. Also solche von der Sorte Mann, die sich für den Nabel der Schöpfung halten. Eben jene, die denken jede Frau stürze sich sofort auf sie, wenn sie einem hinterher schnalzen als sei man eine Bordstein Schwalbe. Ich bemühte mich gar nicht hin zu sehen, wer da so herablassend zu mir herüber schmatzte, zückte bloß meinen digitus medius (auch Mittelfinger genannt) und hielt diesen in seine Richtung. Keine 2 Minuten später hörte ich quietschende Reifen hinter mir und kurz darauf fuhr ein Auto langsam an mich heran. Aus dem offenen Fenster des Fahrers hörte ich dann: „Ey du. Warum beleidischst du misch so?“ Es schaute mich ein arabisch wirkender Typ mit großen Augen an, dessen Mund sich zur Schmollschnute verzogen hatte. Nach einem flüchtigen Blick zu ihm, schaute ich wieder nach vorne und antwortete schnippisch: „Jedem das was er verdient.“ Er erzählte dann noch irgendwas von „ey guck disch doch ma an. Disch guck isch doch gar nisch an. Du Schlampe….“ Dann rauschte er ab.

Als ich dann in der Bahn saß, setzte sich ein Mann vor mich und trat mir dabei versehentlich auf den Fuß. Er entschuldigte sich sofort und ich winkte mit einem Lächeln ab. So schlimm war es ja nicht. Ich nahm auch gleich meine Lektüre wieder auf und beachtete ihn nicht mehr. Ich stieg später aus und ging in ein Geschäft, auf der Suche nach Wattestäbchen. Plötzlich steht der Typ aus der Bahn vor mir und fragt mich auf Englisch: „Can I ask you a question?“ Verdaddert antwortete ich nur „Why?“. Darauf wurde er etwas ungehalten was denn das why sollte. Ich versuchte ihm dann klar zu machen, dass ich ja nur wissen wollte, warum er mich anspricht. Er stotterte dann: „ Yes, you saw me in the train? You must have feel the importance of the spirit between us…“ bla bla. Ich erzählte ihm dann was von meinem „Boyfriend“ der Zuhause schon auf mich wartete. Zum Glück trollte er sich. Später auf der Arbeit wähnt ich mich in Sicherheit. Vollkommen darin vertieft den perfekten Pizzaboden aus einem Stück Teig zu rollen, tippte mich mein Arbeitskollege an: „Da steht ´n Kerl vor der Tür und glotzt dich die ganze Zeit an.“ Und tatsächlich stand da ein Typ, um die fünfzig Jahre und gaffte. Noch nicht mal da hatte man seine Ruhe. Seufzend beschwerte ich mich dann bei meinem Kollegen über die Gafferei der Männer. Der antwortete mir nur, dass wir Frauen das ja wollen. Ich konnte nur noch sagen: „Aber doch nicht so!“

Ja, was wollen wir Frauen denn jetzt? Natürlich ist es schön, wenn man merkt, dass man für Männer begehrenswert sein kann. Aber es gibt eben ein unausgesprochenes Gesetz, dass Frauen nicht aussprechen, weil sie es für zu banal halten um es zu formulieren. Daher kennen Männer es nicht. Es geht um das Gesetz des zu Nahekommens. Ein Pfeifen hinter sich zu hören oder ein wohlwollender Blick ist durchaus ein Kompliment. Aber wen jemand eintritt in die Persönlichkeit, sei es mit einem Blick, einem Spruch oder sogar mit Handgreiflichkeiten, dann ist das ein Verstoß gegen dieses Gesetz! Und dagegen sträubt sich die Welt der Frauen. Völlig zu recht wie ich glaube. Es ist halt wieder mal der kleine feine Unterschied, der den gemeinen Mann vom Gentleman unterscheidet. 
Da es in den meisten Fällen schon schwierig ist, den eigenen Mann von diesem unausgesprochenen Gesetz zu überzeugen, wird es unmöglich sein, die Männer der Straße damit vertraut zu machen. Es empfiehlt sich demnach sich ein bis zwei passende Sprüche für den Sommer zurecht zulegen und die bei Bedarf anzuwenden. Denn immer nur ignorieren ist erstens unbefriedigend und hilft zweitens auch nicht immer. In diesem Sinne empfehle ich, sich bloß nicht entmutigen lassen, was die knappe Sommerkleidung angeht. Viva el verano!

Alltags-Killer Karneval

Karneval in Köln. Einwohnende fiebern dieser 5. Jahreszeit teils entgegen, teils wünschen sie sich ein schwarzes Loch in der Zeit, dass dieses Ereignis einfach verschluckt. So oder so ist es ein einschneidendes Erlebnis im Jahr, an dem niemand so leicht vorbei kommt.
 Ich selbst bin in den vergangenen Jahren, in denen ich hier lebe, dem Karneval mit gemischten Gefühlen entgegen getreten. Fast hat er mir manchmal Angst gemacht und ich bin Hals über Kopf geflüchtet. Mitten durch die verkleideten Massen, die aus dem Hauptbahnhof strömten.

Ich kenne den Karneval als „Fasching“, der ausschließlich in Turnhallen, Schulen und Gemeinschaftshäusern stattfindet. Und auch dort läuft das ganze recht zivilisiert ab. Mal abgesehen von denen, die sich nach den Sitzungen noch sinnlos betrinken. Aber dieser Kölner Karneval ist ein ziviles Natur Ereignis! Während acht langer Wochen, sieht man mehr und mehr verkleidete, erwachsene Menschen. Anfangs sitzen sie nur ruhig in der Bahn. Zu späteren Stunden sind sie auch schon mal heiterer. Aber was sich in den Tagen zwischen dem „Weiberfastnacht“ und dem Aschermittwoch abspielt, muss man selbst erlebt haben, um es als zivilisierter Deutscher glauben zu können. Schon am frühen Morgen dröhnt von überall her die eindeutige Musik. Von den Paveiern, den Bläck Föös, den Höhnern, den Räubern und wie sie sonst noch alle heißen. Die „Jecken“ bevölkern mehr und mehr die gesamte Stadt und bald fallen die unverkleideten Passanten mehr auf, als die Verkleideten. Beim Bäcker steht man neben Clowns und riesigen Bären. Männer verkleidet als Strip-Tänzerinnen sitzen mir in der Bahn gegenüber und ich komme aus dem Lachen nicht mehr heraus. Alle sind locker und gelöst. Fast jeder hält ein alkoholisches Getränk in der Hand, aber auch die die (noch) nüchtern sind, haben ein Lächeln auf den Lippen und man fühlt sich bereits hier, wie auf einer großen Party. Eine ganze Stadt im Ausnahmezustand. Auf den großen Plätzen geht es aber erst richtig los. Hier werden Singles schnell zu Pärchen und Gebundene vergessen mal schnell den Liebsten Zuhause. Fast könnte man meinen, böse Geister wären in die Feiernden gefahren. Anstand und Moral sind vergessen. Man hat das Gefühl alles hat nur darauf gewartet, sich endlich einmal fallen zu lassen. Kein Druck vom Chef, niemand kümmert sich um Abgabefristen. Eine Bevölkerung frei vom alltäglichen Muss. 
Das Erstaunliche daran ist, dass man zu keiner anderen Zeit so freundliche, herzliche Menschen in Deutschland findet. Das Volk hält hier zusammen. Jeder ist irgendwie ein Bekannter und nicht jemand der mir fremd ist. Es ist, als sei die Blase des Alltags, die sich um jeden herum befindet, geplatzt.

Kennt Ihr das? Wenn man sonst durch die Straßen läuft ist jeder isoliert. Ich fühle mich da manchmal wie in einer Blase. Die ist an Karneval plötzlich weg. 
Aber eben so schnell wie sie weg ist, ist sie auch wieder da. Die Blase. Denn bereits am Aschermittwoch ist mir jeder wieder fremd, den ich nicht kenne. Wenn mir jemand in der Bahn zu nahe kommt erntet der von mir einen bösen Blick und ich gehe schnell einen Schritt zur Seite. Das Lächeln im Gesicht der Menschen ist verschwunden, die Freude schien nie da gewesen zu sein. Jetzt ist der Himmel wieder sichtlich grau, alles ärgert mich. Der Alltag hat uns wieder. 
Zu dieser Zeit merke ich ganz deutlich, was das eigentlich bedeutet Alltag. Welche Macht er über uns hat und wie traurig es ist, wenn wir nichts anderes mehr kennen als den Alltag. Es wird mir bewusst, dass Karneval nicht nur was für Spießer ist, die es nur einmal im Jahr schaffen Spaß zu haben und sonst zum Lachen in den Keller gehen. Es ist einfach eine Volks-Gehirnwäsche und zwar eine wundervolle! Denn was schafft es sonst, einer ganzen Stadt den Alltag zu nehmen?!